1. Haßfurter Energieforum "Eine Wende viele Herausforderungen"

1. Haßfurter Energieforum führte Realitäten und Visionen des Atomausstiegs vor Augen.

Ist es albern zu glauben, dass eine Mittelstadt ihren Strom- und Wärmebedarf vollständig aus erneuerbaren Energien decken kann? Von wegen, würde Haßfurts Stadtwerkleiter Norbert Zösch antworten. Er peilt für 2014 an, seine Kunden zu 100 Prozent aus regenerativen Resourcen zu versorgen. Gegenwärtig geschieht das bereits zu über 80 Prozent.

Und selbst wenn, so scheitert die Energiewende insgesamt doch daran, dass es keine Speichermöglichkeiten für im Überfluss erzeugte Wind- oder Sonnenenergie gibt? Falsch, würde Professor Johannes Paulus (Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt) erwidern. Der Ingenieur steigt gerade zusammen mit dem Stadtwerk Haßfurt in ein Leuchtturmprojekt ein: Im Hafen der Kreisstadt entsteht eine Elektrolyse-Anlage, die im Überschuss produzierte Sonnen- und Windenergie dazu nutzt, Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten. Die entstehende Gase lassen sich vielfältig nutzen – auch zur Rückgewinnung von Strom. Im Haßfurter Fall soll der Wasserstoff einen Teil des Erdgases ersetzen, das die benachbarte Mälzerei Weyermann verbrennt. Dass die Technik noch in den Kinderschuhen steckt, bestreitet Paulus nicht. In ein paar Jahren aber werde das ganz anders aussehen.

Was schon Realität ist und was noch Visionen sind, davon konnten sich die geladenen Gäste des 1. Haßfurter Energieforums am Mittwoch in der Haßfurter Stadthalle ein Bild machen. Unter dem Motto „Die Energiewende als aktuelle Herausforderung“ hatte das Stadtwerk Haßfurt insbesondere Kommunalpolitiker, Stadtwerker und Vertreter der heimischen Wirtschaft zu Fachvorträgen eingeladen – Organisator und Leiter der Veranstaltung war der Unternehmensberater Hachem Farmand (International Consulting).

Eine der Erkenntnisse, die das Publikum mit nach Hause nehmen durfte, war zweifelsohne die, dass es zur Energiewende nicht reicht, hier einen Windpark, dort einen Solarpark und anderswo eine geothermische Anlage zu bauen. Es bedarf zum einen der erwähnten Speichermöglichkeiten, um etwa Windräder bei Spitzenlasten nicht abschalten zu müssen oder bei Flauten ohne Strom dazustehen. Zum anderen können nicht überall im Lande immer kleinere Kraftwerke entstehen, ohne miteinander zu kommunizieren. Dann nämlich gäbe es keine Versorgungssicherheit und keine Netzstabilität. Von „virtuellen Kraftwerken“ sprach deshalb Michel Nicolai von Trianel (Aachen), einem Verbund von Stadtwerken, kommunalen und regionalen Unternehmen zur Energieversorgung. Eine effiziente, sichere Stromversorgung werde es nur geben, wenn sich die kleinen Kraftwerke, die die großen ersetzen, vernetzten, sprich zu virtuellen Einheiten zusammenschließen.

Wilfried Neubauer, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Umsetzung erneuerbarer Technologieprojekte Haßberge bmH, kurz GUT, hatte den Zuhörern einmal mehr dargelegt, wie der Landkreis, seine Kommunen und Bürger über diese GUT und eigene Investitions- und Betreibergesellschaften die Energiewende in Selbstverantwortung verwirklichen wollen. Und könnten nach dieser Logik alle im Heimatkreis Energie produzierenden Anlagen eine virtuelle Einheit bilden? Die Zukunft werde zeigen, ob dies möglich und überhaupt sinnvoll sei, sagte Nicolai in der sich den Fachvorträgen anschließenden Podiumsdiskussion. Hier war er sich mit Gunnar Braun, dem Geschäftsführer des Verbandes Kommunaler Unternehmen in Bayern (München), in einem entscheidenden Punkt einig: Die Energieautarkie gemäß der Definition, dass man genau die Energie produziert, die man auch verbraucht, könne nicht Ziel des Landkreises sein. Worauf es ankomme, sei die intelligente Vernetzung mit anderen Regionen. Und Siegmund Kerker, der Landrat Rudolf Handwerker vertrat, machte mit einem Satz deutlich, dass der Heimatkreis nicht an ein energiepolitisches Inseldasein denkt: „Wir wollen Strom an die Schweinfurter Großindustrie verkaufen“, verkündete Kerker.

Diese Absichtserklärung stand im Einklang mit den Ausführungen von Innenstaatssekretär Gerhard Eck (Donnersdorf), der in seinen Grußworten dem ländlichen Raum eine besondere Rolle bei der Energiewende zudachte. „Gerade hier, auf den Äckern und Weiden und an den Flüssen, kann doch Energie geerntet werden“, stellte der CSU-Politiker fest. Einmal mehr stellte Eck Bayerns Vorreiterrolle beim Atomausstieg heraus, spätestens 2023 werde der Freistaat ganz ohne Kernenergie auskommen – und alleine in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Euro in den Klimaschutz und den Ausbau der erneuerbaren Energien stecken.

Aussagen, die den Grünen-Politiker Hans-Josef Fell (Hammelburg) freilich gänzlich unbeeindruckt ließen. Fell, der als Physiker in erster Linie mit den technisch-naturwissenschaftlichen Gegebenheiten der Energieerzeugung vertraut ist, referierte über die ökonomische Seite der Energiewende. Für den energiepolitischen Sprecher der grünen Bundestagsfraktion steht fest, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt billiger käme. 100 000 Milliarden Euro würde der globale Umstieg kosten, wenn man ihm innerhalb eines Jahrzehnts verwirklicht, hat Fell errechnen lassen. Aber 200 000 Milliarden Euro würden es sein, wenn es so weiter geht wie bisher – „ohne die Schadenskosten durch Klimaveränderung“, wie Fell bemerkte. Europas Eurokrise sei zu einem großen Teil eine Erdölkrise, weil dem EU-Raum durch die Ölimporte ein riesiges Außenhandelsdefizit entstehe, erklärte der Bundestagsabgeordnete.

Auf die von Ministerpräsident Seehofer angestoßene Diskussion über die Abstandsflächen um Windräder herum angesprochen, antwortete Georg Nüßlein (Münsterhausen), der energiepolitische Sprecher der CSU-Bundestagsfraktion, pauschale Regelungen halte er für wenig hilfreich. Es komme auf die Besonderheiten eines jeden einzelnen Standortes an. Dass es oft die Bürger selbst sind, die die Energiewende blockieren, weil sich gegen jeden Wind- oder Solarpark sofort eine Bürgerinitiative bildet, war bei den Teilnehmern der Podiumsdiskussion unbestritten. Bundestagsabgeordneter Nüsslein, der sich selbst als ausgesprochenen Naturfreund bezeichnete, deutete aber an, dass auch der sehr lange Arm des Naturschutzes nicht immer förderlich sei für die Energiewende.

Weil Wahlkampf ist, wurde das 1. Haßfurter Energieforum schließlich doch sehr parteipolitisch – doch zwei Punkte blieben unangefochten: Erstens: Die Energiewende in Deutschland ist unumkehrbar. Zweitens: Das zuletzt von der Deutschen Umwelthilfe ausgezeichnete Stadtwerke Haßfurt ist ein leuchtender Vorreiter beim Umstieg auf regenerative Energien. Wie sich andere Kommunen und Stadtwerke ein Beispiel an Haßfurt nehmen können, dafür gebe es kein Patentrezept, sagte Stadtwerkchef Norbert Zösch. Man müsse die verschiedensten Wege im Auge behalten und die richtigen Kooperationspartner finden. „Und man muss auch manches Risiko eingehen“, so Ingenieur Zösch.

Quelle: Martin Sage - Haßfurter Tagblatt


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